Wissenschaftlicher Werdegang (subjektiv)

Nach dem BWL-Studium stellte sich der Wechsel zur Literaturwissenschaft nicht als der Befreiungsschlag heraus, der er sein sollte. Die Betriebswirtschaftslehre war unfreiwillig keine Wissenschaft, das neue Fach hingegen wollte keine sein. Waren die Vorlesungen in BWL platt und praktisch, so kamen sie in der Literaturwissenschaft weltfremd daher. Das, was ich liebte, die klare Erkenntnis in griffiger Formulierung, gab es auch hier nicht. Für mich wurzelte Literatur vor allem im Zeitgeist. Da Herman Melville ein Zeitgenosse Schopenhauers war, den er ausgiebig studierte, entwickelte meine Dissertation einen Interpretationsansatz, der Melville in den Fußstapfen des deutschen Philosophen zu einem Kritiker der Aufklärung machte. Diese Sicht setzte sich weitgehend durch. Mein Buch über Nathaniel Hawthorne wurde jedoch von der Amerikanistik mit Acht und Bann belegt, denn es verstieß gegen das Axiom der Vieldeutigkeit von Literatur. Wieder durch Rückgriff auf die Zeitgenossenschaft konnte ich aber nachweisen, dass der angeblich vieldeutige Nathaniel Hawthorne allegorische Eindeutigkeit bevorzugte. Zu diesem Buch, das mir heute noch gefällt, erschien keine einzige Besprechung. Ich schwor mir, kein Buch mehr zu schreiben, das nur von Fachkollegen gelesen wird. Mein erster Versuch in diese Richtung war die bei Campus verlegte Studie Die Mentalität des Erwerbs. Das Buch erreichte zwei Auflagen (die zweite bei dtv), wurde in allen Zeitungen besprochen und brachte mir reichlich Einladungen zu Vorträgen und Konferenzen.

Bedingt durch den neuen Passauer Studiengang Diplomkulturwirt, begann ich ab 1993 mein Interesse in die Kulturwissenschaft zu verlagern. Eine erste Sondierung geschah mit der Herausgabe des Bandes Kulturbegriff und Methode: Der stille Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften. Da in der Studentenschaft Bedarf an einer Einführung in dieses immer lauter werdende Paradigma bestand, bot ich eine Vorlesung an, die aufgrund der Nachfrage viele Semester gehalten wurde. Ihr vorausgegangen war die Sisyphusarbeit, aus dem terminologischen Chaos der über Kultur Schreibenden das Fundament herauszulösen und auf ihm eine Kulturtheorie zu errichten. 1995 erschien diese Vorlesung bei UTB als Buch (Kultur und Kulturwissenschaft), das einige Kontroversen auslöste. Die Schöngeister, für die Kultur etwas Besonderes bleiben sollte, waren empört, und die Ethnologen ärgerten sich, dass ein abtrünniger Literaturwissenschaftler in ihrem Vorgarten wilderte. Diejenigen aber, die den Kulturbegriff für sich neu entdeckten und in konkreter Forschungsarbeit mit ihm umgehen wollten, waren angetan. Inzwischen ist das Buch angekommen und wird von Doktoranden zwischen St. Gallen und Hamburg benutzt. Dass es seinen festen Platz bekam, zeigt sich auch daran, dass es zum Gegenstand von Sekundärliteratur wurde: Michael Stang, Das Konstrukt Mensch im Disput: Hansens Kulturkonzeption und die Meme-Theorie der Soziobiologie (2008).

Auf dem Stand von 1995 blieb ich aber nicht stehen, sondern gab mit jeder neuen Auflage Erkenntnisgewinne weiter. Der wohl größte bestand in der Entdeckung des Kollektivs (ab der 4. Auflage 2011), dem ich seit 2003 auf der Spur bin. Ihm ist mein bisher letztes Buch gewidmet Kultur, Kollektiv, Nation. Kollektivität zu ergründen, ist auch der Schwerpunkt der von mir geleiteten Forschungsstelle Grundlagen Kulturwissenschaft. In welche Richtung sich dieser Ansatz entwickeln wird, lässt sich noch nicht sagen.

So nebenbei entschlüsselte mir das tiefere Eindringen in das Phänomen Kultur mein eigenes Treiben. Warum hatte ich einerseits Erfolg, andererseits aber, obwohl ich harmoniebedürftiger Rheinländer bin, wurde ich heftig befeindet? Ich verstehe heute, dass ich zu viele Konventionen verletzt, Mythen entlarvt und Axiome missachtet habe. Statt wolkiger Gebäude bevorzugte ich pragmatisch anwendbare Theorien, die auch den Alltag erklärten. Der schlimmste Tabubruch im akademischen Deutschland war, dass meine Art zu schreiben nicht in nebulöser Komplexität schwelgte, sondern die Dinge mutig, gut lesbar und vielleicht sogar witzig beim Namen nannte. Zu alle dem stehe ich nach wie vor und beuge mich dem Kulturgesetz, dass, wer das Konventionelle hinter sich lässt, zwangsläufig auf Widerstand stößt.